Warum fällt es uns eigentlich so schwer, ein Kind weinen zu sehen? Ein weinendes Kind (wobei, eigentlich auch weinende Erwachsene) sorgt für jede Menge Gefühlsausbrüche auf Seiten der Eltern. Mit den unterschiedlichsten Reaktionen. Die einen versuchen, das Weinen wie es nur geht, so schnell wie möglich zu stoppen. Dazu benutzen sie Schnuller, Schokolade, Ablenkungsmanöver und andere Tricks. Andere werden zusätzlich noch selbst sehr erregt und nervös. Wieder andere reagieren genervt und haben überhaupt keine Lust, sich auf das Kind einzulassen. Im schlimmsten Fall werden sie wütend und fangen an zu schimpfen. Einige ignorieren das Kind und blenden das Weinen völlig aus. Und manche nehmen ihr Kind einfach in den Arm und lassen es sich ausheulen, bis es wieder gut ist.
Grundsätzlich macht es da eigentlich keinen Unterschied, wie alt das Kind ist. Bei Babys kommt allerdings noch dazu, dass sie sich schlechter verständlich machen können. Man weiß einfach oft nicht genau, was jetzt eigentlich los ist. Hat es Schmerzen? Ist es zu kalt? Zu warm? Nass? Hunger? Hat es Angst? Will es vielleicht einfach auf den Arm genommen werden? Dieses Nicht-Wissen sorgt dann zusätzlich noch für eine Menge Stress.
Dabei ist das Weinen an sich ja eigentlich kein Problem. Weinen sorgt dafür, dass die ganze Anspannung und der ganze Stress ein Ventli findet und abgehen kann. Weinen sorgt auch für Aufmerksamkeit. “Hey, hier stimmt was nicht! Komm und hilf mir!”. Was auch nichts negatives ist, im Gegenteil: Gerade für kleine Kinder und Babys ist diese Aufmerksamkeit auch lebensnotwendig. Ganz besonders bei den ganz kleinen Babys, deren Weinen so extrem an den Nerven der Erwachsenen reißt, dass es wirklich kaum einen gibt, der es ertragen kann (es wurden sogar Tests durchgeführt: Erwachsenen wird eine Kassette mit einem weinenden Neugeborenen vorgespielt. Den allermeisten kommt es viiiiieeeel länger vor, als es tatsächlich ist).
Das eigentliche Problem ist der Grund für das Weinen. Die Ursache, um die sich gekümmert werden soll. Leider können wir uns nicht so gut um die Ursache kümmern, wenn wir uns nur auf das Weinen konzentrieren. Oft denken wir, wenn das Weinen aufhört, ist auch die Ursache aus der Welt. Aber so ist es ja nicht. Und deswegen habe ich mal für mich den Gedanken “Mein Kind sollte nicht weinen” hinterfragt. Um den Stress zu nehmen, der mich davon abhält, mich um mein Kind zu kümmern. Die Fragen stammen von Byron Katie. Genaueres findest du hier. Wenn du Byron Katie nicht kennst, solltest du vielleicht erst mal hier klicken, andernfalls, kommt dir das, was gleich kommt, vielleicht komisch vor.
Marwa sollte nicht weinen
Ist das wahr? Ja.
Kann ich absolut sicher sein, dass Marwa nicht weinen sollte?
Nein. Kann ich nicht. Es gibt mit Sicherheit einen Grund dafür. Auch wenn ich ihn nicht kenne.
Wie reagiere ich, wenn ich glaube, Marwa nicht weinen sollte, und sie tut es?
Gestresst. Panisch. Ich versuche, ihr weinen zu stoppen. Ich werde nervös. Ich komme selber den Tränen nahe. Ich bekomme eine Gänsehaut. Mein Herz klopft. Ich denke daran, was die Nachbarn wohl sagen werden. Mir wird heiß. Ich überlege fieberhaft, warum sie weinen könnte. Ich versuche, sie zu stillen. Ich versuche, sie abzulenken. Ich versuche, ihr den Schnuller zu geben. Ich gebe ihr einen Keks. Ich gehe auf den Balkon, um die Autos anzusehen.
Wer wäre ich ohne meine Geschichte?
Ruhig. Gelassen. Ich könnte mich ganz auf sie konzentrieren. Ich könnte schauen, ob es etwas gibt, dass ich für sie tun kann. Ich kann schauen, wie sie weint, um zu erkennen, ob ihr was weh tut. Oder ob ihr etwas einfach gerade nicht gefällt. Ich kann sie in den Arm nehmen und ihr Halt geben.
Umkehrung:
Ich sollte nicht weinen.
Das ist richtig. Ich sollte aufhören, innerlich zu heulen, und mich um sie kümmern. Wenn ich selbst nervös bin, wie kann ich da von meiner Tochter erwarten, dass sie nicht nervös ist?
Marwa sollte weinen.
Das ist auch richtig. Es gibt einen Grund für ihr Weinen. Immer. Auch, wenn er nicht offensichtlich ist. Und es ist absolut in Ordnung, wenn sie’s rauslässt. Woher sonst würde ich denn mitbekommen, dass es ihr gerade nicht gut geht?
Das Erstaunliche ist: Bin ich selber ruhig, kann ich meiner Tochter den Halt geben, den sie braucht, und sie hört ganz von selbst auf zu weinen, wenn sie soweit ist. Meist sogar sehr schnell. Je nachdem, was gerade ist. Es kann allerdings sein, wenn du schon sehr lange versucht hast, das Weinen zu unterdrücken, dass dein Kind erst mal sehr lange weinen muss. Weil dann der ganze aufgestaute Stress von früher gleich auch noch mit raus kommt.
Wie gehst du mit Weinen um? Bist du eher der ruhige, oder eher der panische Typ? Schreib einen Kommentar und ezähl!
Image: Maggie Smith / FreeDigitalPhotos.net
Bitte lies auch hier:
Was ist The Work Of Byron Katie?
Kommst du, wenn ich rufe?
Der will ja nur seinen Willen durchsetzen…