Wachstumsschübe und Wutausbrüche

Das Leben besteht aus einem Kreis aus Tod und Wiedergeburt. Jeder Mensch stirbt in seinem Leben viele male und wird als ein neuer Mensch geboren. Nämlich jedes mal dann, wenn er einen Entwicklungsschub erlebt. Und die sind übrigens nicht nur auf die Kindheit beschränkt, sondern ziehen sich durch’s ganze Leben. Im Erwachsenenalter werden sie allerdings oft nicht durch die Biologie ausgelöst, sondern häufig durch Schicksalschläge, positive wie negative, oder aber auch durch einen schleichenden Prozess, der irgendwann nicht mehr übersehen werden kann.

Ich  liebe die Metapher, die Martha Beck benutzt, um diesen Kreis zu beschreiben.

Stell dir eine Raupe vor. Sie wandert fröhlich umher und frisst sich von einem Blatt zum nächsten. Sie weiß wer sie ist (eine Raupe), und was sie zu tun hat (fressen), und alles ist wunderbar.

Bis sie irgendwann den unglaublichen Drang verspürt, sich in ein Kokon zu wickeln (Das ist Phase 1). Und dann löst sie sich auf (kein Witz – Raupen werden im Kokon flüssig).

Dasselbe passiert mit Menschen (egal welchen Alters): Wenn sie diesen Schub haben, durch welchen Auslöser auch immer, dann lösen sie sich auf. Alles, was sie einmal kannten, gilt nicht mehr. Sie wissen nicht mehr, wo oben und unten ist, wer sie sind, was sie wollen, wo sie hingehen. Ihre Identität stirbt. Das reinste Chaos.

Sehr unangenehm. Aber es muss sein. Und je mehr du dich reinbegibst und alles loslässt, desto schneller kommst du wieder raus. Wenn du versuchst, am alten festzuhalten, bleibst du eine Raupe (mit dem Drang, dich in ein Kokon einzuwickeln, ebenfalls sehr unangenehm. Es braucht viel Energie, um diesen Drang zu ignorieren). Wenn du versuchst, gleich ein Schmetterling zu werden, übergehst du den Entstehungsprozess, und du wirst eine Raupe, die sich als Schmetterling verkleidet.

Die Raupe muss sich erst komplett auflösen, und dann kann sie anfangen, an Schmetterling zu denken.

Phase 2 ist die Zeit des Träumens. Das schlimmste Chaos ist vorüber, und erste Beinchen bilden sich aus. In der späten Phase 2 beginnst du, immer konkretere Pläne zu machen. Der Schmetterling, deine neue Identität, nimmt Gestalt an.

Phase 3 ist die Phase, in der der Schmetterling den Kokon aufschneidet und sich langsam herausarbeitet, ein unglaublich schwerer Prozess, der Stunden dauern kann. Das interessante ist: Wenn du ihm hilfst und ihn herausziehst, stirbt er. Je länger er allerdings braucht, desto kräftiger wird er hinterher.

Genau dasselbe gilt auch für den Menschen: In Phase 3 beginnt er, die Träume und Pläne umzusetzen  - und fällt immer wieder auf die Schnautze. Fällt zurück in eine kurze Phase 1, verändert seine Träume so, dass sie noch besser passen, und nimmt Anlauf für einen neuen Versuch. Bis er es schafft.

Und das ist Phase 4. Der Schmetterling ist geschlüpft und setzt sich auf einen Ast, um seine Flügel in der Sonne zu trocknen und sein Dasein als Schmetterling zu genießen. Bis zum nächsten Entwicklungsschub.

Wenn dein Kind also einen Entwicklungsschub durchmacht, fällt es ins Chaos. Es fängt damit an, dass es verstärkt die Nähe und Hilfe von den Eltern sucht, auf den Arm will, kuscheln will, vielleicht Sachen auf einmal nicht mehr “kann”. Das ist ein Kind, das einen Kokon sucht. Und das bist du. Du bist der Kokon, der dem Kind Sicherheit gibt, und in dessen Grenzen es sich richtig austoben, zerfließen kann. 

Ein Kind in Phase 1 kann schwierig sein. Es kann launisch sein, um sich schlagen, viel weinen oder schimpfen. Bitte nimm es nicht persönlich. Du musst auch nicht viel machen und erziehen. Gib ihm einfach diese Sicherheit, sich richtig auflösen zu können, um sich wieder selbst zu finden.

Das bedeutet nicht, dass du alles durchgehen lassen musst, oder machen musst, was das Kind sagt, egal, ob du willst oder nicht – du bist nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Grenzen.

Hilf deinem Kind, mit seinen Gefühlen klar zu werden, z.B. indem du ihn richtig toben lässt. Raufen ist auch ganz gut. Und in den Arm nehmen, wenn es wieder soweit ist…

Sei tapfer, es geht vorbei!

Wie erlebst du die Entwicklungsschübe deines Kindes? Und was hilft euch mit dem Umgang derselben?

Übrigens: Als Life Coach bin ich der Kokon von Erwachsenen, die gerade einen Entwicklungsschub durchmachen, in welcher Phase auch immer. Ich musste das einfach erwähnen…

Photo Raupe: Arvind Balaraman / FreeDigitalPhotos.net,Photo Schmetterling: J Frasse / FreeDigitalPhotos.net

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