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Du hast dich vorbereitet. Du weißt, wie eine Geburt abläuft. Entweder durch einen Geburtsvorbereitungskurs oder durch die zahlreichen anderen verfügbaren Informationsquellen.

Vielleicht warst du sogar richtig gut und hast einen Yoga-Kurs besucht und intensiv das Wehenveratmen geübt.

Du bist vorbereitet.

Du hast eine genaue Vision wie du wann was tun wirst.

Hast dir extra einen Platz im Geburtshaus gesichert, weil du dich da sicher, geborgen und gut betreut fühlst.

Und dann setzen die Wehen ein.

Kein Problem, schließlich weißt du, was zu tun ist: Becken kreisen, atmen. Voilà. Kein Problem.

Aber dann fangen die Probleme an. Die Realität weicht von der Vorstellung ab.

Das Köpfchen deines Kindes will sich nicht so drehen, wie es soll.

Du musst eine andere Position einnehmen. Kannst dich nicht mehr bewegen, wie du willst.

Und dann setzen sie ein, die Schmerzen.

Und mit ihr die Fight-or-Flight-Reaktion. Fliehen kannst du nicht mehr – schließlich ist eine freie Bewegung nicht mehr möglich.

Also kämpfst du dagegen an. D.h., du spannst dich an.

Die Schmerzen sollen weg. Du willst sie nicht spüren. Du willst die Kontrolle behalten.

Und so kämpfst du weiter, spannst dich an.

Es tut weh. Sehr weh.

Und es dauert Stunden.

Aber in diesen Stunden passiert etwas:
Du wirst müde. Du hast dich abgekämpft. Und so langsam stumpfst du ab. Dein Widerstand reibt sich auf.

Und irgendwann kommt der Moment: Es ist egal. Egal, ob du Schmerzen hast. Egal, ob du reißt.

Du gibst dich hin.

Du lässt deinen Körper machen, was er will. Lässt ihn agieren und reagieren, wie er will.

Dein Verstand gibt auf. Löst sich auf.

Auf einmal empfindest du Ruhe.

Und noch etwas passiert: Die Schmerzen hören auf.

Jetzt, wo du so locker bist, so völlig ohne Widerstand, spürst du nur noch ein Ziehen.

Und selbst in der letzten Phase, in der das Kind raus kommt – Ein Ziehen, wie bei einer starken Dehnung.

Aber keine Schmerzen.

Und vor allem: Ruhe. Frieden. Kraft.

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Dies ist die Geburt meiner Tochter, wie ich sie erlebt habe. Und dies ist auch die Zusammenfassung meines Lebens.

Das Leben findet in Phasen statt.

Zunächst setzt eine Veränderung ein. Vielleicht schleichend, vielleicht plötzlich. Vielleicht gewollt, vielleicht nicht gewollt. Vielleicht konntest du dich vorbereiten, vielleicht nicht.

Wenn es eine schöne Veränderung ist und angenehm verläuft, setzt zunächst einmal Euphorie ein. Alles läuft glatt.

Doch dann treten Komplikationen ein. Es verläuft nicht mehr nach Plan. Entweder nicht nach dem Plan, den du dir bewusst zurecht gelegt hast, oder deinem inneren, unbewussten Plan von dem, wie das Leben sein sollte.

Und damit fängt der Widerstand gegen das, was ist, an.

Und du wirst wütend. Traurig. Depressiv.

Du hast Schmerzen.

Und zwar so lange, wie du die Kraft hast, dagegen anzukämpfen.

Bis du müde wirst. Und nicht mehr argumentierst. Nicht mehr gegen das Leben kämpfst.

Sondern dich hingibst. In dem Vertrauen, dass alles seinen Lauf nimmt, und alles so wird, wie es wird. Weil es sowieso so wird.

Dein Verstand setzt aus. Löst sich auf.

Und du empfindest nichts als Ruhe. Frieden. Kraft.

Und du hast immer noch keine Ahnung, wo es hingeht. Vielleicht weißt du nicht einmal, was hier vor sich geht, geschweige denn, was du tun sollst.

Aber du gibst dich hin.

Und aus dieser Ruhe, dieser Kraft heraus, aus diesem Nicht Wissen, reagierst und agierst du.

Auf einmal nimmst du Gelegenheiten war, an denen du vorher vorbeigegangen bist.

Auf einmal bekommst du Erkenntnisse, die dir vorher verschlossen waren.

Du fängst an, dich zu verändern. Wirst reifer. Weiser. Stärker. Erwachsener.

Und langsam, Stück für Stück, bringst du dich selbst auf die Welt.

Photo: Ocean Stock Photo / freedigitalphotos.net

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